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28. Rang an der Junioren WM in Puerto Madryn!

Freitag, 06. November 2009, 18:39 Uhr

Vom 21. Oktober bis am 4. November fand im argentinischen Puerto Madryn die Junioren Weltmeisterschaft statt. Es war dies zugleich meine erste Teilnahme U20. Ich war der einzige Teilnehmer aus der Schweiz und reiste deshalb mit den Deutschen mit. Die Deutschen stellten mit Judith Fuchs und Falko Bindrich auch nur eine(n) Teilnehmer(in) pro Kategorie. Als Trainer stellte der deutsche Schachbund Leonid Rohovoi bereit.

Meine Hinreise begann in Zürich und ging über Paris, Buenos Aires, Trewelew nach Puerto Madryn. Die Reise gestaltete sich wie meistens eher langweilig. Die 13 Stunden von Paris nach Buenos Aires überbrückte ich vor allem mit Schlafen und Filme schauen. In Buenos Aires mussten wir den Flughafen wechseln, wo wir uns jeweils einen Bus mit den Georgiern geteilt hatten. Der zweite Flughafen in der Hauptstadt Argentinien hatte irgendein technisches Problem, welches alle Computer lahm legte, aber unser Aufenthalt war dort sowieso recht lange, so dass wir eigentlich nicht gross davon betroffen waren. Vom kleinen regionalen Flughafen Trewewel führte uns noch ein Bus in einer guten Stunde zu unserem Hotel.

Am Hotel gab es nichts auszusetzen. Normalerweise werden alle Spieler in Doppelzimmer gesteckt, aber ich hatte Glück und kriegte eins für mich alleine. Zuerst wollten die. Dass ich ein Zimmer mit Sergey Zhigalko (späterer Vizeweltmeister)  teile. Dieser hatte aber andere Pläne und wollte mit Dimitry Andreikin ein Zimmer. Die Folge war, dass Zhigalko auszog und kein anderer nachkam. Ich hatte dann ein riesiges Zimmer mit 2 grossen Betten und einem kleinen für mich alleine. Ausserdem hatten die Räume einen Balkon mit Blick auf das Meer und Flachbildschirme mit DVD-Player. Leider hatte das Hotel kein Schwimbad und das Meer war schien doch ziemlich kalt zu sein.

Das Essen wäre für eine Woche ganz akzeptabel gewesen, aber für zweieinhalb Wochen war da viel zu wenig Auswahl. Schlussendlich ass ich praktisch jeden Tag Karottensalat mit Fisch und Brot. Zur Abwechslung gab es zu weiche Pommes und Fleisch.

Wie erwartet bekam ich es in der ersten Runde mit einem sehr starken Gegner zu tun. Ivan Popov wurde 2007 in Antalya immerhin Weltmeister U18. Ich führte in dieser Partie die weissen Steine und bekam eigentlich eine ordentliche Stellung. Seine Erfahrung oder Wissen schien aber wesentlich grösser zu sein und nach positionellen Fehlern liess mir der Russe keine Chance mehr im Endspiel. Das war sicher eine Partie von der ich noch einiges für die Zukunft lernen kann.

Runde zwei gestaltete sich ziemlich seltsam. Mein Gegner war ein junger sympathischer Argentinier, welcher 21. Züge im Najdorf runter blitzte. Mir war diese Variante auch bekannt, aber dennoch nicht mehr alle Züge present. Stückweise setzte ich die Stellungen zusammen, an die ich mich noch erinnern konnte. Ian Ocampos schien aber die Idee des Figurenopfers für drei Bauern nicht verstanden zu haben. Er tauschte nämlich die Damen, was aus meiner Sicht schon klarer Vorteil für Schwarz im Endspiel einbrachte. Ich war während der Partie einfach etwas verwirrt weil der Junge alles blitzte, als wären die Züge selbstverständlich. Schlussendlich gewann ich aber sehr leicht.

Die dritte Runde fand noch am gleichen Tag statt. Es war die einzige Doppelrunde und ich nahm mir viel vor, da ich in letzter Zeit bei Doppelrunden immer sehr gut gespielt habe. Mein Gegner war der Italiener Sabino Brunello, welcher nur noch eine Norm benötigt um Grossmeister zu werden.  Er spielte eine Damenindische Variante, wählte dabei allerdings einen sehr unglücklichen Aufbau. Ich wusste durch das Training mit S. Ovesejevitsch über die hängenden Bauern, dass diese Variante nicht normal sein kann. Ich spielte dann auch eine super Partie und opferte einiges, mein Gegner nahm aber längst nicht alles an. Ich wurde dann etwas nervös und sah irgendein Gespenst. Ich rechnete nämlich eine Variante die Rybka als +3 angibt, dachte aber, dass ich am Ende die Dame auf a8 wegen Lb7 verlieren würde. Aber der Läufer auf b7 hätte ich einfach schlagen können! Naja meine Fortsetzung war dann auch gut genug und ich gewann hübsch mit einem Läuferfang im Endspiel. Mit 2533 ist Brunello der stärkste Spieler, den ich bis anhin geschlagen habe. Auf der Rückreise habe ich ihn kurz auf sein Buch angesprochen und er meinte dann humorvoll: „Ja Schade, dass ich ein Buch über Spanisch und nicht Damenindisch geschrieben habe"

Die vierte Runde war die ärgerlichste des ganzen Turniers. Den Türken Yilmaz Mustafa spielte ich mit Weiss im Slawisch eigentlich an die Wand. Positionell wäre der total Flach gewesen, wenn ich im richtigen Moment a5 gespielt hätte. Ich sah diesen Zug und wollte ihn zuerst auch spielen, aber dann dachte ich mein Gegner hätte sowieso keinen guten nächsten Zug und deshalb zog ich zuerst Sc3. Ja jeder Anfänger kann der nächste Zug meines Gegners erraten: a5! Ich war dann ziemlich geschockt, als ich realisierte, dass eine klar bessere Stellung mit einem Zug zu unklar gewechselt hatte. Ich spielte anschliessend schlecht und verlor die Partie dann ziemlich schnell.

Nach den zwei Weiss Partien hatte ich jetzt wieder Schwarz. Ich spielte erneut gegen einen Einheimischen. Frederico Maldonado wählte eine Remisvariante im Najdorf. Mir ist bis heute noch nicht ganz klar wie man die umgehen kann. Der Argentinier unterstrich sein Ziel mit nervigen fünf Remisangeboten während der Partie. Natürlich versuchte ich trotz ungleichfarbiger Läufer zu gewinnen. Ich dem ganzen Punkt auch ziemlich nahe nachdem ich einen Bauern gewonnen hatte, aber dann konnte Maldonado einen seltsamen Angriff starten, welcher ich nicht im Stande war am Brett zu wiederlegen. Ich kam ziemlich unters Kreuzfeuer und musste froh sein, dass ich in der Zeitnot die einzigen Züge gefunden habe, welche gewiss nicht so einfach waren. Leider kam ich dennoch nicht mehr über die Punkteteilung hinaus, was natürlich eine herbe Enttäuschung war.

In der sechsten Runde drehte das Glück aber auf meine Seite. Emre Can aus er Türkei war mein Gegner und führte etwa den gleichen Prozess mit Weiss durch wie ich gegen seinen Freund Yilmaz. Ich stand so passiv und konnte kaum noch ziehen. Doch dann begann er unüberlegt zu spielen und öffnete die h-Linie. Dies ermöglichte mir plötzlich Gegenspiel. Er liess noch einen taktischen Gewinn aus und schon war es um ihn geschehen. Mein Gegenangriff auf der h-Linie schlug durch. Ich verpasste in der Zeitnot ein Matt, aber der Damengewinn reichte natürlich auch aus.

In der siebten Runde spielte ich gegen einen der zahlreichen Inder. Ich stand nach der Eröffnung gegen Karthikeyan P leicht besser. Er bot mir dann Remis an und ich nahm an, da ich schon ziemlich müde war von den vorherigen Partien und ich sehr ungerne mit einer Niederlage in den Ruhetag gehe.

Den Ruhetag verbrachte ich vor allem mit Judith. Wir gingen zusammen auf die Exkursion. Puerto Madryn ist bekannt für seinen Naturbelassenen Park und so lag es nahe diesen zu besuchen. Die Bilder sollten für sich selber sprechen:

Emanuel Schiendorfer und Judith Fuchs Puerto Madryn Waal in Puerto Madryn

Bayarsaikhan Gundavaa hiess mein Gegner in der achten Runde. Schon wieder kam es zu einem Najdorf Sizilianer. Es ist wie verhext. An einem Turnier spielen alle d4, dann analysiere ich neue Varianten und Eröffnungen, um am nächsten Turnier sehen zu müssen, dass alle e4 spielen. Gundavaa versuchte auf den Zug der anderen aufzuspringen und spielte erstmals die Lg5-Variante. Ich versuchte dann mit einer anderen Variante ihm aus dem Konzept zu bringen. Er brauchte dann auch relativ viel Zeit, fand aber die besten Züge. Meine Stellung war dann zwischendurch ein bisschen besser, aber ich kam in die Zeitnot und da liess er mir keine Chance. Ich verlor schlussendlich einfach ein Endspiel, muss aber auch sagen, dass mein Gegner wirklich gut gespielt hat. Am letzten Abend lernte ich ihn noch besser kennen, da ich bereits Bekanntschaft mit seiner Landsfrau Anu Bayar geschlossen hatte. Er erzählte mir, dass er bereits die klare Nummer eins seines Landes sei. Er hat weder einen Trainer noch spezielle Trainingsmethoden. Scheinbar arbeitet er mit alten (!) russischen Büchern und mit dem Computer. Ich war ziemlich beeindruckt von dem was er mir alles sagte und merkte wieder einmal was alles möglich ist mit eigenem hartem Training. Schliesslich hat er bereits 2477 und seine dritte IM Norm fehlt ihm nur noch, weil er in seinem Land fast keine Möglichkeit hat diese zu holen.

Die Niederlage brachte mir aber dennoch keinen schwachen Gegner ein. Ich spielte gegen Polens grosse Nachwuchshoffnung Dariusz Swiercz. Ich bereitete mich auf die Leningradervariante im Holländisch vor. Doch der junge Grossmeister wählte stattdessen das Wolgagambit. Ich spielte meine Spezialvariante, die mir schon einigen Erfolg und gute Stellungen eingebracht hat. Auch Swiercz fand kein Mittel dagegen und musste sich mit einer unklaren, aber etwas passiveren Stellung begnügen. Danach spielte er etwas ungenau. Vielleicht auch darum, weil für ihn Remisvarianten schon gar nicht in Frage kommen konnten. Danach spielte ich einfach mein bestes Schach. Ich liess ihm keine Chance mehr und gewann sehr überzeugend. Technisch gesehen vielleicht eine der besten Partien von mir überhaupt.

Ich war nach dem Sieg gegen Swiercz wieder auf IM Norm Kurs. Ich dachte ich hätte eine mit einem Remis gegen den Russen Pavel Potapov. Ich bot deshalb relativ früh in einer etwas besseren Stellung den friedlichen Schluss an. Potapov nahm dann auch an. Vielleicht war das im Nachhinein ein Fehler, da ich mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob das wirklich die IM Norm bedeutete. Die Eröffnung war übrigens e4 c5 c3 Da5 J

In Runde elf wollte ich mit Weiss gegen Andres Felipe Gallego Alcaraz unbedingt gewinnen, da dann die IM Norm definitiv gewesen wäre. Ich war dann auch top vorbereitet und konnte endlich mal 20 Züge aus meinem Wissen runter spielen. Mein Gegner beging danach eine Ungenauigkeit, welche ich zuerst richtig ausgenutzt hatte. Ihm entscheidenden Moment fand ich aber nicht mehr die beste Fortsetzung und die Stellung war nur ausgeglichen. Ich war bereits während der Partie etwas enttäuscht, da ich merkte, dass ich bestimmt eine Chance ausgelassen hatte. Ich tauschte dann unüberlegt die Damen und kam in ein schon fast verlorenes Endspiel. Ich dachte es sei einfach Remis, unterschätzte aber meine Schwächen. Zum Glück spielte mein Gegner in diesem Endspiel zu arrogant und wickelte unüberlegt in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel ab. Da war die Stellung vielleicht immer noch zu gewinnen, aber er spielte einfach und begann zu spät wieder lange zu überlegen.

In der zwölften Runde spielte ich gegen einen Topfavoriten: David Howell. Der Engländer war mit Nigel Short als Trainer angereist, verlor aber vor dieser Partie dreimal in Serie. Ich wiederholte im c3 Sizilianisch die Variante mit Da5. Diese Variante spielte übrigens Dimitry Andreikin gegen Sergey Zhigalko in der elften Runde am Brett 1! Howell wählte aber wohl eine gute Variante und brachte mich schnell etwas in Bedrängnis. Ich verrechnete mich nach der langen Partie vom Vortag früh und musste bereits nach 21 Zügen aufgeben. Ich war einfach Chancenlos, aber nach 13 Runden gegen so viele starke Gegner kann das vorkommen.

In der Schlussrunde spielte ich wieder gegen einen Argentinier. Leonardo Tristan wird in Kürze internationaler Meister sein. Er schien mich entweder nicht ernst zu nehmen oder hatte mit seiner Heim WM bereits abgeschlossen. Ich habe diese Partie weder analysiert noch in Chessbase eingegeben, aber ich glaube ich spielte einfach nochmals richtig gut. Es war eine strategische Partie, in der ich das Läuferpaar hatte. Mein Gegner dafür Raumvorteil. Ich spielte aber mit konsequent mit einem Plan und mein Gegner machte nicht dagegen und verfolgte selber auch keinen. Dadurch kam er einfach in eine schlechtere Stellung. Später entstand ein Damenendspiel, dass aus meiner Sicht nicht unbedingt gewonnen ist, aber er spielte so lustlos, dass es für mich einfacher war, als ich mir dass in meinem besten Traum hätte vorstellen können J

Auf der Rückreise besuchten wir mit den Georgiern noch einige Sachen in Buenos Aires. Dies geschah alles im Eiltempo, dennoch entstanden ein paar Bilder:

Bindrich Schiendorfer Fuchs Emanuel Schiendorfer Buenos Aires

Fazit: Das Turnier war natürlich ein voller Erfolg. Mal schauen, ob es nun mit der IM Norm geklappt hat oder nicht. Ich hoffe aber, dass sich für nächstes Jahr ein zweiter Spieler finden wird. Weibliche Spielerinnen sind in der Schweiz ja leider Mangelware.

Weitere Fotos von der WM

Rangliste bei chess-results.com

Bericht von Chessbase


Bisher 3 Kommentar(e) vorhanden:

#1 Hasi schrieb am 08.11.2009, 22:23 Uhr:

Hey klasse Mandu! Schade, dass du keine Norm geholt hast, hätte ich dir wirklich gegönnt, v.a. nach Deizisau ;-). Hoffe, du bist nicht eingefroren, als du zurück in die Berge gekommen bist. Nochmals Glückwunsch zum super Erfolg Schachhase^^

#2 Julian Schärer schrieb am 07.11.2009, 23:00 Uhr:

Hey noch einmal Gratulation zum super Turnier, schade nur, dass es nicht ganz für die Norm gereicht hat ;-) ...Aber auf jeden Fall auch einmal mehr ein sehr gelungener und interessanter Bericht!!

#3 Walter Bichsel schrieb am 06.11.2009, 22:07 Uhr:

Herzlichen Glückwunsch zum tollen Turnier, auch wenns für die Norm wohl leider nicht ganz gereicht hat (knapper geht wirklich nicht...). Wenn Du so weitermachst - und das hoffen wir alle - brauchts Du Dir deswegen aber keine Sorgen zu machen! Gruss, Walter


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